Heilwälder statt »Waldkunst«-Faxen!

Ein Waldgang bei Hohenzell

Wenn einer eine Wand‘rung tut, dann kann er was erzählen – z.B. darüber, was er im Wald über Schlüchtern-Hohenzell erlebt hat. Folgt man dort IMG_3426nämlich ab dem Parkplatz bei der »Spechtehütte« (Karte) der im Sommer 2017 unvermittelt aufgetauchten Markierung »Kunst« mit stilisierter Tanne, so erreicht man nach 600 m den Fernwanderweg »Spessartbogen«, der hier durch den Hochwald strack bergan führt. Schon nach wenigen Metern gellt »optisches Geschrei« durch die Waldeinsamkeit: Grell weiß-rote Bemalungen an rund drei Dutzend Stämmen der hoch aufragenden Buchen. Alles rechteckig. Das muß die »Kunst« sein .

Neben einer Sitzbank, auf der man sich von dem Schreck erholen kann, erklärt eine Infotafel, was es mit der »Kunst am Spessartbogen« auf sich hat: Setzt man sich nämlich auf den markierten »Punkt der zentralen IMG_3429Perspekti-ve«, kneift ein Auge zu und bewegt den Kopf etwas hin und her, lassen sich die sog. »Bildmotive« in Übereinstimmung bringen: Wie von Zauberhand fügen sich die zuvor willkürlich wirkenden Anstreichungen zu vertrauten Wan-derwegmarkierungen und Forstzei-chen: roter Balken, rote Raute, roter Punkt (was Rundes!), sämtlich auf weißem Grund. Dazu Doppelstrich usw. für geläufige Forstzeichen. Potzsapperlot!

Und was soll das Ganze? Darüber klärt die Infotafel auf: Das staunenswerte Opus nennt sich »Wegzeichenformel« und soll »unsere visuelle Wahrnehmung des Waldes anregen”. Aha, durch rechte Winkel zur rechten Waldsicht, richtig? Weil der postmoderne Normalschluffi ohne solche Sehhilfen völlig blind und begriffslos durch die grüne Einöde stolpert, muß ihm diese waldpädagogisch durch optische Knaller tiefer erfahrbar gemacht werden? –

Zur weiteren Sinnfindung bietet die Infotafel Kunstpädgogik vom Feinsten: Per QR-Code wird man smartphonetechnisch schwuppdiwupp auf die Websites des Spessartbogens wie auch des Wald-Picassos expediert, der sich voll Hintersinn Faxe Müller nennt. Ein Faxenmacher! – Die erhoffte Erleuchtung führt ins Nirwana: »Die Deutung oder Auslegung bleibt dem Betrachter überlassen. Faxe mit Maske- Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. – So nehmen wir Einsicht und werden vieles verstehen.« Ernsthaft?

Doch hier: Ein Link führt zu einem 45-Minuten-Film, den der Hessische Rundfunk im November 2017 ausgestrahlt hat: »Aus Liebe zum Spessart«. Gleich zu Beginn wird die Entstehung des Hohenzeller Waldspektakels dokumentiert, völlig ironiefrei, versteht sich. »Wenn man hier entlang läuft und sozusagen auf etwas Unbekanntes stößt, das find ich spannend«, begründet Faxe sein Kunststück und baut eine selbstgebastelte Stellage auf, deren Krönung eine Gesichtsmaske ist, in die der Künstler sein Antlitz presst (Min. 2:20; Foto von dort). Dadurch sei er »absolut fixiert an den Punkt«, den sein Famulus auf Zuruf markiert, einer der Orientierungspunkte für das spätere Schaffen des Meisters.

Den Rest schaue ich mir zuhause an. Jetzt sitze ich erstmal ziemlich «abgeturnt« im an und für sich herrlichen Buchenhochwald, in dem einzig dieser freche Eingriff in die Würde des Waldes stört. Stimmt überhaupt das Programm, mit solchen Faxen »unsere visuelle Wahrnehmung des Waldes anregen” zu können? Ich jedenfalls nehme ihn jenseits des Schnickschnacks kaum noch wahr. – Welche Gedanken haben sich die Verantwortlichen eigentlich gemacht? Als ich mir zuhause den Rest des Films anschaue, kommt der Geschäftsführer des Naturparks Hessischer Spessart zu Wort (Min. 19:10)1 (Fußnoten): Er sei sofort begeistert gewesen. »Das ist was total Besonderes an dem Wanderweg. Das erwartet ja von den Wanderern keiner, so einen Denkanstoß mitten im Wald zu kriegen. Stehen zu bleiben und zu gucken…« - und zu gucken, und zu gucken und zu gucken? Und was dann? Ein erhebender Gedanke? – Frage: Was erwarten eigentlich Wanderer im Wald? Dazu gibt es einige empirische Untersuchungen. Doch dazu später.

Zunächst fällt mir etwas anderes ein. »Punkt der zentralen Perspektive« – woher kenne ich das? – Natürlich! Bentham, Jeremy Benthams Panopticon (1787), die Zentralperspektive des Gefängnisaufsehers, der von einem Punkt aus alle Gefangenen im Blick hat (wie der Wanderer auf der Sitzbank die verstreuten Wegzeichenfragmente). Darauf fußend Michel Foucaults Begriff des Panoptismus, der die seit dem Zeitalter der Aufklärung krakenartig um sich greifenden Überwachungs- und Kontrollmechanismen beschreibt, nebst resultierendem Konformitätsdruck auf das »befreite« Individuum. – Freiheit! Genau die wird hier durch Kontrolle & Disziplinierung des Blicks abserviert. Sucht man nicht eigentlich das gerade Gegenteil im Wald? Wird mit solchen optischen Zwangsbeglückungen nicht eine perfide Gegenkraft zu dem installiert, was heutige Waldgänger im Wald suchen: Abstand zu den Alltags- und Konsumzwängen, den sozialen Kontrollmechanismen, die nicht zuletzt durch künstliche Bilderfluten ihre tagtägliche Herrschaft über unsere Gedanken zu gewinnen suchen? Es sei »kein Zufall«, bemerkte Ernst Jünger – für den der Wald »Ort der Freiheit« war -, es sei kein Zufall, »daß alles, was uns mit zeitlicher Sorge bindet, sich so gewaltig zu lösen anfängt, wenn sich der Blick auf Blumen und Bäume wendet und von ihrem Bann ergriffen wird.«2

 

Was suchen heutige Waldbesucher im Wald?

O könnt´ ich schlafen und träumen
in Waldeseinsamkeit,
und dort mit den alten Bäumen
nichts hören von unserer Zeit!  3

Erstaunlicherweise hat sich das Walderleben bzw. das, was die Leute bei einem Waldgang suchen, seit den Anfängen der romantischen Waldsehnsucht um 1800 kaum verändert. Es war Ludwig Tieck, der in seinem Frühwerk Der blonde Eckbert (1796) »Waldeinsamkeit« als ein Schlagwort der Romantik prägte und im literarischen wie populären Sprachgebrauch verankerte.4 Eichendorff, Heinrich Heine, Victor v. Scheffel – von allen gibt es lyrische Texte mit dem Titel »Waldeinsamkeit«. Das Erstaunliche ist, dass sich über mehr als 200 Jahre hinweg eine bemerkenswerte Kontinuität im Verhältnis der Deutschen (»dem Waldvolk schlechthin«) zu ihrem Wald erhalten hat: Das romantische Bild des Waldes als Ort der Muße, der Freiheit und Symbol des menschlichen Einklangs mit der Natur fern des Alltagsgetriebes hat sich schichtübergreifend bis in die Sprachmuster hinein nur unwesentlich verändert.5

Heutige Untersuchungen zu Waldbewußtsein und -wahrnehmung zeigen, dass der Erholungsaspekt die zentrale Rolle spielt, gepaart mit der Abstandsgewinnung vom Alltag wie schon bei Hoffmann von Fallersleben. So ergab eine Längsschnittstudie der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf »Ruhe, Erholung, Entspannung« als die mit weitem Abstand häufigste Wald-Assoziation. »Bei den Befragten dominiert mit über 90 % die Nutzung zu Erholungszwecken«, wobei »naturnaher Wald« als am schönsten empfunden wird – mit »Freude« als dominierendem Gefühl, was ihn markant von Fichtenwald und Park unterscheidet (als Beurteilungsgrundlage diente naturnaher Waldnebenstehendes Foto, das an den Hohenzeller Wald erinnert)6.

Eine Studie der Bundesforschungs-anstalt für Forst- und Holzwirtschaft über Besuchsmotive und Erwartungen von Waldbesuchern ergab »Der Natur nahe sein« als den wichtigsten Grund für einen Waldgang, gefolgt von »Wegen der frischen Luft« und »Wegen der Gesundheit«.7

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Der gesundheitliche Aspekt eines Waldbesuchs hat in den letzen Jahren einen immer höheren Stellenwert gewonnen, wobei das über die letzten Jahrhunderte konstante subjektive Empfinden einer wohltuenden Wirkung mittlerweile von der medizinischen Forschung bestätigt wird. Ausgehend von in den 1980er Jahren in Japan begonnen Untersuchungen, aus denen das »Waldbaden« als neue Therapieform hervorging8, wurde die deutsche Öffentlichkeit 2015 durch den Bestseller »Der Biophilia-Effekt«9 des österreichischen Biologen Clemens G. Arvay auf die heilende Wirkung von Waldaufenthalten aufmerksam gemacht. Prof. Qing Li hatte herausgefunden, dass Waldumgebungen die Ausschüttung von Neurotransmittern fördern und so eine ausgesprochen positve Wirkung auf Nerven-, Hormon- und Immunsystem haben: Sie senken Blutdruck und Herzfrequenz und haben eine generell entspannungsfördernde Wirkung10, verbunden mit einer »Erhöhung der Natürlichen Killerzellen-Aktivität im peripheren Blut«11. Mit anderen Worten: Aufenthalte in ungestörter Waldumgebung dienen auch der Krebsprävention. – Darüberhinaus hat Roger Ulrich 1984 in aufwendigen Versuchen herausgefunden, dass schon der Anblick eines einzigen Baumes vor dem Fenster des Krankenzimmers die Selbstheilungskräfte von Krankenhauspatienten signifikant zu erhöhen vermag.12 – Ob dessen Verzierung mit abstrakten Bildobjekten diese Wirkung eher verstärken oder abschwächen würde, bleibt ein Desiderat der Forschung. Man darf skeptisch sein.

Was aber ist das Geheimnis der positiven Wirkung von Waldaufenthalten?13 Es sind die Terpene, sagt Clemens Arvay im Anschluß an Qing Li, ätherische Ausdünstungen der Bäume, Sträucher und Pilze (v.a. Pinene und Limonene), die als geheimnisvolle »Kommunikationsmoleküle« der Verständigung der Waldbäume untereinander dienen – z.B. über Gefahren – und zugleich heilsam für den Menschen sind.

Das Einatmen der waldlichen Terpene hat nämlich verblüffende gesundheitsfördernde Wirkungen. Diese beruhen auf ihrer Einwirkung auf den Parasympathikus, den »Nerv der Ruhe«, der – als jener Teil unseres Nervensystems, der unseren Organismus in den Modus der Regeneration und Heilung versetzt – durch die Waldatmosphäre aktiviert wird.14 – Schwer vorstellbar, dass grelle »künstlerische« Eingriffe in die Majestät des Waldes dazu etwas beitragen, zumal die Terpene besonders über die Borke der Bäume freigesetzt werden, die bei den »Waldkunstwerken« am Spessartbogen ja zumindest ein wenig geschädigt wird.15

Liege ich also falsch, wenn ich solch selbstherrlichen Eingriff in mein Walderleben als »Kränkung« in mehrfachem Sinne wahrnehme: Als persönliche Kränkung meines Waldaufenthalts, als Kränkung des Waldwesens und Versündigung an seinen heilsamen Kräften?

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Der Punkt bei einem solchen »Waldkunstwerk« ist allerdings weniger die Störung der physiologisch wirksamen Waldnatur. Die heilsamen Terpene kann man ja auch auf der Ruhebank mit Blick auf die störenden »Bildmotive« einatmen – obwohl Prof. Qing Li durchaus die Betrachtung der »beautiful scenery« als integralen Teil der Waldtherapie hervorhebt. Der eigentlich springende Punkt ist hier die Störung des psychischen Walderlebens durch »optisches Geschrei«. Keine Frage: ich persönlich fühle mich von dem Firlefanz in meinem Waldwohlbefinden beeinträchtigt. Aber gilt das auch für andere Waldbesucher? Die Walderlebnisforschung lässt vermuten: ja. Eine Auswertung internationaler Studien über die Erwartungen von Waldbesuchern und den von ihnen wahrgenommenen Nutzen kommt zum gleichen Ergebnis wie die beiden o.g. deutschen Untersuchungen (Erholung, Entspannung, Abstand vom Alltag) und präzisiert:

»Die Hauptmotivationen von Waldbenutzern scheinen das Entkommen aus dem Alltagsleben und die Reduzierung von Stress zu sein. Wenn man sich im Wald aufhält, werden Gedächtnisimpulse weitgehend ausgeblendet (d.h. Stimuli, die uns über alle möglichen ablenkenden Dinge nachdenken lassen). Der Waldbesucher scheint von der Welt abgeschnitten zu sein und das Walderlebnis fördert Gedanken über das Mysterium, die Schönheit und Großartigkeit der Natur sowie die Macht Gottes. Solche Kontemplation könnte das Ergebnis einer Zentrierung der Aufmerksamkeit auf ein begrenztes Stimulus-Feld sein, ähnlich wie in einem »Flow«-Zustand. … Die Ganzheitlichkeit eines Walderlebnisses ist deswegen so bemerkenswert, als sich die Aufmerksamkeit voll und ganz auf den Wald richtet, was dazu führt, dass der Mensch vollkommen absorbiert wird und womöglich in einen selbstvergessenen Zustand eintritt, der ihn Zeit und Raum vergessen lässt.«16

Wichtige Auslöser dieser Erfahrung sind die Abwesenheit sozialer Einschränkungen und äußerer Vorgaben und Zwänge, ein Gefühl selbstbestimmten Handelns also. All das zusammen ermöglicht eine Art »Flow«-Erlebnis des authentischen Bei-Sich-Seins, das als »Einklang mit der Natur« beschrieben wird.

Der gewaltsame Einbruch der »vermessenen Welt«, wie sie die Installationen am Spessartbogen darstellen, entpuppt sich im Lichte der Walderlebnisforschung als vollkommen kontraproduktiver Versuch, den Bedürfnissen und Erwartungen von Waldbesuchern gerecht zu werden. Die erzwungene Blickverengung auf naturfremde, rechtwinklige Objekte ohne jeden ästhetischen Charme ist das genaue Gegenteil dessen, was das therapeutische Walderleben fördern würde. Ja, sie sind genau das, was vermieden werden sollte, nämlich »Stimuli, die uns über alle möglichen ablenkenden Dinge nachdenken lassen«. Dass hier »das Gehirn eingeschaltet« und »die Sinne geschärft« werden sollen17, ist liebenswerter Nonsense, der dem Hohenzeller Wald leider einen abstoßenden Fremdkörper beschert hat.

Die gute Nachricht ist freilich, dass die Kalkanstriche der Waldverunzie-rungen mit der Zeit abbröckeln werden! Das Kunstwerk sei nämlich »temporär angelegt«, beruhigt uns die Infotafel freundlicherweise und werde »mit der Zeit auf natürliche Art verblassen«. Dadurch würden sogar »die visuellen Eindrücke noch bereichert«, indem der geneigte Betrachter »Vergänglichkeit« nahegebracht bekomme. – Wie wäre es alternativ mit ein paar vermodernden Baumstämmen, um dem Waldbesucher diesen Gedanken vor Augen zu führen? – Leider wird nicht der Zeitraum genannt, in welchem das trollige Opus wieder verschwindet. Man darf aber hoffen, dass dies möglichst lange vorm Vermodern der massiven Sitzbank geschieht.

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Ziehen wir hier mal einen Schlußstrich und blicken voraus. Die Waldkunst am Spessartbogen ist ja letztlich der fast schon verzweifelte wenn auch untaugliche Versuch, angesichts seit Jahren sinkender Gästezahlen18  wieder mehr Menschen in den Spessart zu locken. Dass man dafür im größten zusammenhängenden Mischwaldgebiet Deutschlands die Hauptressource Wald einsetzt, ist naheliegend. Aber welche Art Eingriff in den Wald würde Sinn machen, käme den oben genannten Bedürfnissen von Waldbesuchern entgegen und wäre zugleich ein top-aktuelles, zeitgeistiges Produkt? Wenn einer der renommiertesten deutschen Mediziner davon spricht, die „Waldmedizin“ sei heute “der boomende Sektor in der Medizin”, dann sollte man überlegen, das »Erlebnis Spessart« durch Ausweisung von Kur- und Heilwäldern nebst begleitender Infrastruktur waldtherapeuthisch aufzuladen.

 

Ein Heilwald im Spessart?

Nachdem das “Waldbaden” (Shinrin-yoku) in Japan seit 1982 offiziell als Therapieform etabliert wurde20, dauerte es dreieinhalb Jahrzehnte, bis zur Einrichtung des ersten europäischen Heilwaldes in Heringsdorf auf Usedom.

Treibende Kraft war Prof.Horst Klinkmann, einst einer der führenden DDR-Mediziner, Direktor der Uni-Klinik Rostock, letzter Präsident der Akademie der Wissenschaften, weltweit  gefragter Experte für künstliche Organe und in der BRD erfolgreicher Unternehmer (Biocon Valley). „Die Potenziale des Waldes sind in der modernen Industriegesellschaft vergessen worden“, sagt Klinkmann und erinnert sich noch gut an die ungläubigen Reaktionen des Fachpublikums bei der Branchenkonferenz Gesundheitswirtschaft im Jahr 2012, als er die als verrückt empfundene Idee erstmals vorstellte. Dass die Waldmedizin heute boomt, sei den wissenschaftlichen Studien der letzten Jahrzehnte zu danken, die auch Schulmediziner wie ihn vom gesundheitlichen Nutzen von Waldaufenthalten überzeugt hätten.

Ein Kur- & Heilwald lässt sich freilich nicht eben mal so aus dem Boden stampfen. Das fängt schon mit den rechtlichen Vorraussetzungen an: Ist man in Hessen z.B. wie Vorreiter Mecklenburg-Vorpommern aufgrund eines entsprechend angepassten Landeswaldgesetzes  (§22 L.WaldG MV) überhaupt schon in der Lage, Waldgebiete zum Kur- und Heilwald auszuweisen?  Es müssen Qualitätskriterien und Zertifizierungsregeln festgelegt werden,  und, und, und.

Hier zeichnet sich schon ab, dass in unserer Region wohl einzig das Spessart-Bad Orb in der Lage sein dürfte, den Weg in Richtung Waldmedizin einzuschlagen – vorausgesetzt, es fänden sich engagierte Mediziner, Bürger, Politiker, Journalisten, die an einem Strang ziehen, um eine Vision zu verwirklichen, die der Kurstadt auf Jahrzehnte ein herausragendes Alleinstellungsmerkmal schaffen würde. – Es bräuchte eines Klinkmanns!

Um die Mühen zu verdeutlichen, sei auf das Projekt »Entwicklung der natürlichen Ressource Wald zum Kur- und Heilwald zur Nutzung als Therapeutikum und dessen Vermarktung« des MV-Bäderverbandes hingewiesen. Im Berichtsband (PDF, 43 MB) Kap. 7 findet sich eine “Checkliste zur Entwicklung von Kur- und Heilwäldern”, die als Orientierung und Leitfaden dienen kann.

Seit Kindesbeinen hat mich die Orber Saline fasziniert. Sollte sie nun durch einen Heilwald ergänzt werden?

 

Der Wald steht schwarz und schweiget

Die Einrichtung von Kur- und Heilwäldern wäre nicht nur eine nachhaltige Alternative zu “Waldkunst” als hilflosem Versuch der Tourismusförderung, sondern könnte auch einen Impuls gegen den zunehmenden Waldfraß durch die Raffkes der Schwindelwindmafia setzen. Über deren Frevel wird der »ewige Wald« zwar früher oder später wieder seinen grünen Mantel breiten, doch könnten wir jetzt schon etwas dazu beitragen, indem wir die noch nicht vergewaltigten Waldgebiete zu heilsamen Schutzzonen aufwerten, natürlichen und frei verfügbaren »Therapiezentren« sozusagen, in denen die Menschen fernab von aufgezwungenen Verhaltensweisen und Blickwinkeln durchatmen und die Seele baumeln lassen können.

Matthias Claudius hat in seinem »Abendlied« von 1779 (Der Mond ist aufgegangen) nicht nur die Majestät des Waldes besungen (»Der Wald steht schwarz und schweiget / Und aus den Wiesen steiget / Der weiße Nebel wunderbar«), sondern gewissermaßen auch die Frivolität von Anschlägen auf ihn benannt, wie sie uns am Spessartbogen begegnen:

Wir stolze Menschenkinder
Sind eitel arme Sünder
Und wissen gar nicht viel;
Wir spinnen Luftgespinste
Und suchen viele Künste
Und kommen weiter von dem Ziel.

Mehr ist zu heillosen Verirrungen wie der »Wegzeichenformel« im Hohenzeller Wald nicht zu sagen.

 

 

Exkurs: Und wer darf die Waldkunst bezahlen?

Hier soll nicht erörtert werden, was Kunst sei. Aber wer die drei Installationen am Spessartbogen21 mit welchen Summen und aus welchem hehren Grunde finanziert hat, diese Frage ist durchaus von öffentlichem Interesse, zumal die Hauptsponsoren Main-Kinzig-Kreis, Naturpark Hessischer Spessart und Sparkassen öffentliche Institutionen sind.22

Was also hat der atemberaubende Kunstgenuß am Spessartbogen die Allgemeinheit gekostet? Bekannt ist, dass lt. Auskunft des Landratsamtes des Main-Kinzig-Kreises

  • Das Waldkunstwerk in Schlüchtern-Hohenzell über das Kulturbudget des Amts 40 bezahlt wurde: 5.992,- € Honorar an Faxe Müller für Konzeption und Umsetzung des Kunstwerkes sowie Beschilderung.
  •  Das Kunstwerk in Bad Orb von der Kreissparkasse Gelnhausen finanziert wurde.
  • Das Kunstwerk in Rodenbach von der Stiftung der Sparkasse Hanau.

Angesichts des getriebenen Aufwandes scheint das Honorar für Faxe Müller nicht überzogen. Zu den knapp 6.000 € muß noch die Aufstellung der Bank und Infotafel gerechnet werden, aber ihm ist kein Vorwurf zu machen.

Es war wohl schlicht allgemeine Ideen- und Ratlosigkeit angesichts der desolaten Entwicklung des Tourismussektors, der die Verantwortlichen bewog, öffentliche Gelder für ein Projekt zu verjubeln, das das Gegenteil dessen ist, was potentielle Spessarturlauber in der Region suchen.

 Dr. Stefan Etzel, Februar 2018


Fußnoten